Sonntag, 11. November 2012

Rezension: "Die Geister, die uns folgen" von Janine di Giovanni



 "Die Geister, die uns folgen"
"Eine wahre Geschichte von Liebe und Krieg"




 

Titel: "Die Geister, die uns folgen"
Originaltitel: „Ghosts by Daylight: A Memoir of War & Love“
Autor: Janine di Giovanni
Übersetzer: Gaby Wurster
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Verlag: Bloomsbury Berlin
Auflage: 2. Auflage 2012
Preis: 17,99 (D)
ISBN-10: 382701090X
ISBN-13: 978-3827010902







Janine di Giovanni – dieser Name ist einigen sicher nicht unbekannt, denn diese Frau berichtet seit  Jahren aus Kriegsgebieten. Unter anderem schrieb sie dabei schon für „The Times“, das „New York Times Magazine“, den „National Geographic“ oder auch „Vanity Fair“.

Mit „Die Geister, die uns folgen“ (Originaltitel: „Ghosts by Daylight: A Memoir of War & Love“) liegt nun ein Buch Janine di Giovannis vor, das über ihr Leben berichtet. Darin geht es um ihre Beziehung zu ihrem Mann Bruno und den Versuch, eine Familie zu gründen und das zu führen, was viele am ehesten als „normales Leben“ bezeichnen würden. Was diese Lebensführung erheblich beeinflusst, ist die Tatsache, dass sowohl die Autorin selbst, als auch ihr Partner jahrelange Erfahrungen im internationalen Kriegsgeschehen gemacht haben.

Bereits auf den ersten Seiten fiel mir Dank des Schreibstils und der Äußerungen der Autorin auf, dass eine gewisse Zerrissenheit in diesem Buch vorherrscht. Woher kommt diese nun? Ich würde sagen, von den Gefühlen di Giovannis und dem Fakt, dass man seine eigene Vergangenheit nicht einfach auslöschen kann, wenn man einen Neuanfang wagen möchte. Hier zeigt sich ein gewisser Verarbeitungsprozess und ein Erlernen eines neuen Lebens, das einem so zuvor noch nicht, bzw. nur gering, bekannt war. 

Bezüglich der Ausarbeitung des Plots und der persönlichen Lebensgeschichte di Giovannis kommt es im Buch zu mehreren Rückblenden in die Vergangenheit. Somit ist es nicht nur das Hier und Jetzt, das dem Leser nahe gebracht wird. Dies ist wichtig, um nachzuvollziehen, wie es zu der emotionalen, aber auch generellen Entwicklung der einzelnen Personen kam.
Etwas verwirrend ist das Hin und Her jedoch schon. Gerade noch in die Gegenwart entführt, in der das Leben di Giovannis feste Formen anzunehmen scheint und dennoch beständig unter dem Damoklesschwert schwebt, findet sich der Leser plötzlich in Mitten ihrer Erinnerung an ein Kriegsgebiet, Zerstörung, Trauer und Tod wieder. Symbolisch lässt sich hier sehr schön erkennen, wie wenig ihr altes Leben die Autorin doch loslässt. Gerade dieses besagte Hin und Her und die somit dargestellte innere Zerrissenheit machen eine gute Nachvollziehbarkeit der Emotionen und Handlungen aus.
Sehr gut erfassbar werden auch andere Personen, die die Autorin in ihre Erzählung einfließen lässt. Sie erwähnt relativ viele Namen und gibt ihnen ein Gesicht, indem sie Aufgaben oder Besonderheiten der dazugehörigen Personen benennt. Dabei gelingt es ihr, nicht auszuufern und bei der eigentlichen Handlung zu bleiben.

Den Einsatz di Giovannis und ihres Partners im internationalen Raum sprach ich bereits an. Demnach fällt die Schlussfolgerung nicht schwer, dass beide mit unterschiedlichen Sprachen konfrontiert werden. Aus gegebenem Anlass, den ich hier nicht verraten möchte, um Spoiler zu vermeiden, findet Französisch in diesem Buch Verwendung und dies geht an einigen (zugegeben wenigen) Stellen über die Nutzung eines einzelnen Wortes heraus. Zwar lässt sich aus dem Kontext dennoch begreifen, was gemeint ist, jedoch gibt es nicht immer eine Erklärung zu den französischen Begrifflichkeiten. Für Leser, die der französischen Sprache nicht mächtig sind, kann das unter Umständen schon störend sein. Ich stolperte auch über Abkürzungen, bzw. Fachbegriffe, die selten vorkamen, zu denen ich mir jedoch zumindest wenige Male eine kleine Erklärung gewünscht hätte – und sei es in einem kurzen Verweis gewesen. (Ich unterstelle hier beispielsweise, dass nicht jeder Leser weiß, worauf sich etwa die Abkürzung PTBS bezieht und es nicht jedem gelingt, eine Verknüpfung zu der ausgeschriebenen Variante zu ziehen, wenngleich diese vorher Erwähnung fand.)

Würde ich dieses Buch als spannend bezeichnen? Ja, das würde ich, wenngleich ich es nicht mit einer actiongeladenen Spannung gleichsetzen würde. Die Rückblicke in die Vergangenheit werden gut dargestellt und dadurch entsteht eine gewisse Spannung hinsichtlich dessen, was man wohl als nächstes zu erwarten hat. Wartet Tod oder Leben in den einzelnen Geschehnissen in den jeweiligen Kriegsgebieten? Die Natürlichkeit des Krieges zieht es mit sich, die Antwort darauf bereits zu erahnen, somit entfällt ein Teil der übergeordneten Spannung und diese beschränkt sich mehr auf die einzelnen Momente. Jedoch schwingt die Frage danach, ob das neu angestrebte Leben di Giovannis funktionieren kann, beständig mit und in der Tat fassten mich die dargestellten Emotionen und Sorgen so sehr, dass ich begierig darauf war, eine Antwort zu finden.

Wie bereits angedeutet, erfährt man im Rahmen dieser Lektüre auch von weniger schönen bis hin zu grausamen Vorfällen. Besonders nah geht dabei die Tatsache, dass es sich um Menschen handelt, die mit einem harten Schicksal konfrontiert werden. Di Giovanni bringt sehr gut herüber, dass es bei ihren Erlebnissen mit kämpferischen Aktionen nicht nur um Tod und Sterben anonymer Personen geht. Das, was passierte, lässt sich nicht in einem Abgrund verstecken, oder gar von sich schieben, weil es ja „weit weg ist“, denn di Giovanni hat ihre Erfahrungen aus der Nähe gemacht, was anhand ihres Schreibstils gut greifbar wird.
Beeindruckend fand ich, dass es der Autorin gelingt, von einem blutigen Leid zu berichten, dass einen zwar greift und nichts beschönigt, in der Detailhaftigkeit jedoch keinen Ekel oder gar eine Ohnmacht bei mir hervorrief. Kriegsfolgen wie z.B. Amputationen wurden so zum Beispiel erwähnt, aber nicht ins wortwörtlich blutige Detail ausgeführt.

Sollte man über Geschichtswissen verfügen, um dieses Buch zu lesen? Ich denke, dies ist nicht zwingend erforderlich. Vieles geht aus dem Kontext hervor, bzw. ist es zumeist nicht wichtig zu wissen, wie einzelne Konflikte zu Stande kamen, um ihre Natur und das Geschehene zu erfassen, das di Giovanni beschreibt. Geschichtswissen, bzw. eine breite Allgemeinbildung sind sicherlich von Vorteil, um noch tiefer in die dargestellte Situation einzudringen, jedoch kann man das Buch getrost auch ohne diese Kenntnisse lesen und wird trotzdem dessen Botschaft verstehen.

Ob es gelingt, mit di Giovanni selbst und den anderen Personen warm zu werden, die Erwähnung finden, ist sicherlich sehr abhängig von der eigenen Einstellung, so wie es bei jedem Buch der Fall ist. An diesem Punkt kommt jedoch hinzu, dass di Giovannis Perspektive jene einer Frau ist, die wohl gänzlich andere Erfahrungen machte, als viele der Leser dieses Buches es getan haben. Eine gewisse Empathie sollte somit sicher hilfreich sein, ihre Entscheidungen besser zu verstehen. Auch hier denke ich jedoch, dass es auch ohne die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, eine Erfahrung wert ist, di Giovannis Buch gelesen zu haben. Zweifelsohne kann es dazu beitragen, den eigenen Horizont zu erweitern und die Eindrücke, die man durch „Die Geister, die uns folgen“ sammeln kann, haben einen starken persönlichen Charakter. Themen, die in diesem Buch behandelt werden, kennt man gegebenenfalls auch aus Nachrichten oder Dokumentationen, jedoch gelingt durch dieses Buch ein angenehmer Blick hinter die Fassade, in dem die Autorin einlädt, einen Teil ihres Lebens zu entdecken.

Zur Aufmachung des Buches kann ich sagen, dass es auf unnötige Extras verzichtet, dieser aber aus meiner Sicht heraus auch nicht bedarf. Mir liegt für diese Rezension eine Softcoverausgabe vor. Deren Umschlag ist dadurch verstärkt, dass die Umschlagseiten klappbar sind.
Das Foto der Autorin, das sich als Abbildung findet, gibt einen visuellen Eindruck über die Verfasserin von „Die Geister, die uns folgen“ und ist in diesem Falle sicher für einige sehr spannend zu betrachten, da es ein Bild zu der Frau gibt, von der man hier lesen darf.
Die Coverillustration gefällt mir gut, auch wenn ich diesbezüglich beim ersten In-der-Hand-Halten des Buches noch unschlüssig war. Nachdem ich das Buch nun jedoch ausgelesen habe, finde ich, dass sie dem Inhalt gerecht wird. Das Cover ist, ähnlich wie das Buch selbst, schlicht gehalten, aber aussagekräftigt. So zeigt es eine Frau, die sich an den Oberkörper eines Mannes schmiegt. Im Gegensatz zu der Abbildung der Frau wird bei dem Mann nur der untere Bereich des Gesichtes gezeigt. Die Illustration trägt meinem Empfinden nach eine starke Symbolkraft in sich.

Janine di Giovanni erzählt in einer Weise von ihrem Leben, die einen berührt und gewisse Schatten erleuchtet. In gewisser Hinsicht sensibilisiert dieses Buch und zeigt eine Wirklichkeit, die für viele in der Regel in unantastbarer Ferne liegt.

Ein Tipp: Wer gern Danksagungen und Nachwörter in Büchern überliest, dem würde ich ans Herz legen, in diesem Falle doch zumindest das Nachwort zu lesen. Es rundet den Inhalt des Buches einfach noch einmal ab und lässt dieses Werk kompletter wirken.




  



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Für dieses Rezensionsexemplar möchte ich mich ganz herzlich bedanken bei:



Sowie bei dem Verlag:


;)





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